Erstens:
Bestes Team. Spanien ist Fußballweltmeister. Der Europameister von 2024 besiegte im Finale den amtierenden Weltmeister Argentinien nach Verlängerung mit 1:0. Die Iberer bestachen durch hohe Teamkohäsion, kollektive spielerisch-taktische Brillanz, besonders in Ballbesitz, aber auch in der Art wie sie Bälle in kluger und synchroner Abstimmung aller Spieler im Gegenpressing zurückerobern.
Zweitens:
Trainer. Der 65-jährige Teamchef Luis de la Fuente arbeitete jahrelang mit dem spanischen Nachwuchs. Er gewann 2015 den EM-Titel (U19) und 2019 (U21). Bei den „Großen“ stehen nun der Gewinn der UEFA National League 2023, der EM 2024 und der WM 2026 zu Buche. Er besticht durch seine ruhige, besonnene Art und stellt die Antipode zur Gilde der exaltierten und narzisstischen Trainer dar.
Drittens:
Strategie, Taktik und Technik. Praktisch alle Teams agierten mit einer flexiblen Viererkette. Das situative und raumorientierte Angriffspressing war praktisch passé. Hingegen erlebten Flanken eine besondere Wiederbelebung und dürften an die Werte der EM 2024 herankommen (32 % der Treffer nach Flanken und Cut-backs; UEFA Technical Report, 2024). Sie waren ein probates taktisches Mittel um finale Abschlüsse vorzubereiten. Das beste Beispiel ist der 2:1-Siegtortreffer für Argentinien im Spiel gegen England durch L. Martínez nach einer Flanke von Messi.
Viertens:
Renaissance der Torjäger. Das Essenzielle im Fußball ist das Toreschießen. Bei dieser WM stritten sich Mbappe (10), Messi (8), Haaland (7) und Bellinham (7) um die Torjägerkrone und waren wesentlich am Erfolg ihrer Teams beteiligt.
Fünftens:
Österreich. Das österreichische Team erreichte praktisch „in letzter Sekunde“ die Runde der letzten 32. Gesamt gesehen war es jedoch gegen Argentinien und Spanien chancenlos und zeigte sich nicht auf dem besten Fitnesslevel. Wo war der Unique Selling Point in Form des bis dato erfolgreichen raumorientierten Pressings?
Sechstens:
Schiedsrichter und neue Regeln. Die FIFA setzte bei der Selektion der Schiedsrichter auf kontinentale Gleichverteilung und somit kamen auch international unerfahrene Unparteiische zum Zug, was als nachteilig zu bewerten ist. Positiv zu erwähnen ist jedoch die Tatsache, dass weniger gelbe Karten verteilt wurden als bei der WM 2022 und dass auch die neuen Regeln (z.B. Verarztung eines Spielers, Zeitbeschränkung bei Outeinwurf) greifen.
Siebentens:
Aufreger Nummer 1. Der unfassbare Skandal schlechthin war die Intervention von US-Präsident Trump bei FIFA-Chef Infantino und die anschließende Zurücknahme der roten Karte für F. Balogun.
Achtens:
Stars. Rodri. Er ist der Denker und Taktgeber der Furia Roja. Quasi unscheinbar switcht er zwischen Abwehr und Angriff, erobert Bälle, stopft „Löcher“ und spielt Bälle direkt, um den Ball in den eigenen Reihen zu halten oder den Spielfluss schlagartig zu beschleunigen. Messi. Beim 39-Jährigen kann kein normaler Maßstab angelegt werden. Er hat in seinem Fortbewegungsrepertoire auch das Joggen und Gehen integriert (zusammen 86 %) und läuft durchschnittlich nur 6,85 Kilometer pro Match (siehe Fifaphy, 2026). Dabei scannt er ständig das Spielfeld und wartet auf den Moment, in dem er zuschlagen kann (siehe das 1:0 gegen Österreich). Auch der Führungstreffer gegen Kap Verde war sehenswert. Viele Nachwuchstrainer würden bei ihren Kickern die Art der Ballannahme mit der linken Fußaußenseite kritisieren! Veni, vidi, vici! Der Joker des Turniers war zweifellos Merino mit seinen beiden Siegestoren gegen Portugal (Achtelfinale; 1:0) und Belgien (Viertelfinale; 2:1).
Neuntens:
Schließlich meine persönliche Best XI: Vozinha; Pedro Porro, Romero, Saliba, Cucurella; Rodri, Olmo, Enzo Fernandez; Messi, Haaland, Mbappe
Dr. Johannes Uhlig, Senior Lecturer, Sportwissenschafter und Pädagoge am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Wien, Dozent in der Fußballtrainer*innenausbildung und Inhaber des UEFA-Profi-Diploms. Aktuelle Buchbearbeitungen: „Komplextraining im Fußball“ als Co-Autor von Daniel Memmert (2026) und „Spielzüge. Und Fußball ist doch ein Spiel und beginnt mit einer Standardsituation. Teil 1“ (2027).
Der Kommentar wird in reduzierter Form auch im Printmedium Die Presse als Gastkommentar veröffentlicht.
