Fazit zur Frauen-Fußball-EM 2025

Dieser Text wurde als Gastkommentar in der "DiePresse" am Dienstag, dem 29. 07. 25 veröffentlicht.

Der in den letzten Jahren feststellbare Aufwärtstrend im internationalen Frauenfußball setzt sich ungebrochen fort. Die Schweiz erwies sich bei der diesjährigen 14. Frauenfußball-EM als großartiger Gastgeber – mit Professionalität, Verlässlichkeit und Fairness. Volle Stadien, riesige Begeisterung und neue Rekorde bei Treffern und Zuschauerzahlen prägten das Turnier. Zur fundierten Analyse von Viktoria Schnaderbeck (26. 07.) lassen sich sechs weitere Punkte ergänzen.

Erstens: England ist Europameister. Während schon die Spiele gegen Schweden und Italien auf des Messers Schneide standen, folgte im Finale gegen Spanien eine dramatische Fortsetzung. Der neunte Strafstoß entschied das Elfmeterschießen. Ein interessantes Detail am Rande: Ein wissenschaftliches Statistikteam hatte Englands Titelchance im Vorfeld auf lediglich 17,2 Prozent prognostiziert – das Team lag damit nur auf Rang vier.

Zweitens: Strategie und Taktik. Die besten Teams beherrschen das Spiel mit und gegen den Ball, agieren konzeptionell – angepasst an Gegner und Spielstand – und sind systemvariabel. Sie zeichnen sich zudem durch ein hohes technisches und physisches Niveau aus. Europameister England hat sich strategisch-taktisch weiterentwickelt und bewies mit bemerkenswerter Comeback-Mentalität die Fähigkeit, Rückstände zu drehen. Verantwortlich zeichnet dabei eine akribische Vorbereitung („Penalty Plan“) sowie eine starke Bank mit leistungsmäßig gleichwertigen Ergänzungsspielerinnen. Spanien überzeugte mit technisch-taktisch anspruchsvollem Pass- und Ballbesitzspiel, hoher Intensität im Spiel gegen den Ball und individueller Klasse.

Drittens: Treffer- und Zuschauerrekord. Schon in der Gruppenphase fielen 89 Tore. Insgesamt wurden 106 Treffer erzielt – ein Rekord und Schnitt von 3,4 Toren pro Spiel. Auch beim Publikum wurde eine neue Bestmarke aufgestellt: 657.291 Zuschauer*innen verfolgten die Spiele live im Stadion.

Viertens: Strafstöße. Sowohl im Spiel als auch im Elfmeterschießen wurden ungewöhnlich viele Strafstöße vergeben. So scheiterte etwa Norwegens Hegerberg gleich zweimal vom Punkt – ebenso wie die Spanierinnen Caldentey und Putellas im Spiel gegen die Schweiz. In den beiden VF-Elfmeterschießen wurden insgesamt 28 Strafstöße ausgeführt, von denen lediglich 16 verwandelt wurden. Im Finale waren sogar fünf von neun Versuchen nicht erfolgreich!

Fünftens: Technologische Neuerungen. Neben dem inzwischen etablierten VAR und der Torlinientechnologie kamen bei dieser EM erstmals halbautomatische Abseitstechnologie und die „Connected Ball Technology“ zum Einsatz. Dadurch konnten präzise Daten zu Ball- und Körperkontaktpunkten (29/Sp.) an den VAR übermittelt werden, was zu schnelleren und genaueren Entscheidungen bei strittigen Spielsituationen führte.

Sechstens: Herausragende Protagonistinnen. Deutschlands Torhüterin Berger avancierte im VF gegen Frankreich zur Matchwinnerin, als sie in der 103. Minute mit einer spektakulären Rettungsparade auf der Torlinie ihr Team im Spiel hielt. Die extrovertierte Einwechselspielerin Kelly brachte England mit ihren Assists zurück auf die Siegesstraße – und verwandelte den entscheidenden letzten Strafstoß zum EM-Titel. Doch die wahre Heldin des Turniers ist Englands Trainerin, die Niederländerin Sarina Wiegman. Ihre taktischen Wechsel – Kelly und Agyemang (zwei Ausgleichstore) – erwiesen sich als goldrichtig. Fünf Finalteilnahmen in Folge, drei EM-Titel und zwei Vize-WMs, sprechen eine klare Sprache. Steht nun der Ritterschlag bevor?

Dr. Johannes Uhlig, Sportwissenschafter und Pädagoge am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Wien und Dozent in der Fußballtrainer*innenausbildung; ehemaliger Trainer des Frauenteams SV Neulengbach (2010 bis 2014) und des ÖFB-U17-Frauennationalteams.