Europäischer Sportindex. Der Stellenwert des Sports in 28 europäischen Ländern

Problemstellung und Zielsetzung

Der Stellenwert des Sports in modernen Gesellschaften ist immer wieder Thema von Debatten, sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft. Bei den Beiträgen zu diesen Debatten handelt es sich meist um grobe Einschätzungen der gesellschaftlichen Bedeutung des Sports (z. B. Ski-Nation, Fußball-Nation), da empirische Befunde zu diesem Thema bislang weitgehend fehlen. Im vorliegenden Beitrag wird versucht, solche Befunde vorzulegen. Der Beitrag basiert auf einem Forschungsprojekt, das am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien mit dem Ziel durchgeführt wurde, den gesellschaftlichen Stellenwert des Sports in den 28 EU-Ländern zu operationalisieren, d.h. in Messgrößen (Indikatoren) auszudrücken. Der europäische Sportindex sollte eine Reihung der 28 EU-Länder nach dem gesellschaftlichen Stellenwert des Sports ermöglichen.

 

Theorien und Methode

Bei der Auswahl der Indikatoren wurde eine pragmatische Vorgehensweise gewählt. Gemäß der zunehmend wichtigen Funktionen, die der Sport in modernen Gesellschaften übernimmt (Integration, Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Politik, etc.), waren folgende inhaltliche Überlegunge ausschlaggebend: Es sollte der Aktivsport in seinen Bereichen Breiten- und Spitzensport und in seinen wichtigsten institutionalisierten Formen, nämlich Sportvereine und Schule, Berücksichtigung finden. Außerdem sollten die lokalen Sportmöglichkeiten sowie die politische und ökonomische Bedeutung des Sports erfasst werden und in den europäischen Sportindex eingehen. Dazu wurde eine umfassende Recherche durchgeführt. Für die Aufnahme eines Indikators in den europäischen Sportindex waren neben den angeführten inhaltlichen Überlegungen die Verfügbarkeit, Aktualität und Vergleichbarkeit der Daten zu diesem Indikator in den 28 EU-Ländern die entscheidenden Kriterien. Folgende sieben Indikatoren entsprachen diesen Kriterien und gingen in den europäischen Sportindex ein:

1. Die Häufigkeit der Sportausübung bezieht sich auf die Häufigkeit der Sportausübung der Bevölkerung eines Landes. Damit wird die Bedeutung des Breitensports indiziert.

2. Die Anzahl der Mitglieder in Sportvereinen zeigt an, wie viele Menschen der Bevölkerung eines Landes Mitglied in einem Sportverein sind. Damit wird die Bedeutung des Vereinssports indiziert.

3. Die Anzahl der Sportstunden in der Schule gibt an, wie viele Stunden Sportunterricht die 6- bis 10-jährigen Pflichtschüler eines Landes pro Woche absolvieren. Damit wird die Bedeutung des Schulsports indiziert.

4. Die lokalen Sportmöglickeiten in einem Land beschreibt die Angebote und Möglichkeiten zur Sportausübung, die der Einzelne in seinem unmittelbaren Lebensumfeld vorfindet. Damit wird der Zugang zum Sport indiziert.

5. Die staatliche Förderung ist der Umfang an monetären staatlichen Förderungen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), die in einem Land in den Sport fließt. Damit wird die gesellschaftspolitische Bedeutung des Sports indiziert.

6. Die Wertschöpfung durch Sport ist der Anteil der durch Sport erwirtschafteten Einkünfte am BIP eines Landes. Damit wird die ökonomische Bedeutung des Sports indiziert.

7. Der olympische Erfolg beschreibt die sportliche Performance eines Landes bei Olympischen Spielen. Damit wird die Bedeutung des Spitzensports indiziert.

 

Gesamtranking European sportindex: Die 28 EU-Länder im Vergleich

Fasst man die sieben genannten Indikatoren zum europäischen Sportindex zusammen und reiht die 28 EU-Länder nach diesem Index, so ergibt sich das in Abbildung 8 dargestellte Bild. Die führenden EU-Länder Deutschland und Frankreich weisen die höchsten Sportindex-Werte auf. Das „Mutterland des Sports“, Großbritannien, liegt hinter Dänemark und vor Österreich an vierter Stelle. Bulgarien ist klares Schlusslicht.

 

Abbildung 1. Europäischer Sportindex: Die Bedeutung des Sports in den 28 EU-Ländern

Resümee

Mit dem europäischen Sportindex wurde erstmals eine Maßzahl für die Bedeutung des Sports in den 28 EU-Ländern empirisch eruiert. Es handelt sich um eine zusätzliche gesellschaftliche Maßzahl (neben European Quality of Life Survey, PISA Studien, Human Developement Index etc.), um den Zustand einer Gesellschaft zu beschreiben. Die Rolle des Sports in Teilbereichen der Gesellschaft wird anhand der Ausprägung der einzelnen Indikatoren aufgezeigt. Die Ergebnisse sind vor allem im Zusammenhang mit der nationalen und europäischen Sportpolitik in den einzelnen Bereichen aufschlussreich.

Publikation:

Otmar Weiß, Gilbert Norden, Michael Nader und Florian Arnusch: European Sportindex. The significance of sport in 28 European countries, European Journal for Sport and Society: In Druck.